Die Ausstellung des Monats Juni 2017

Der Verleihung eines Kunstpreises ist – nicht nur für den/die Künstler – immer ein besonderes Ereignis, besonders, wenn sie mit einer anschließenden großen Einzelausstellung verbunden ist. Aus Anlass der Verleihung des Kunstpreis Aachen 2016 an Franz Erhard Walther möchten wir Ihnen die daraus resultierende Einzelausstellung vorstellen, die noch bis zum 29. Oktober 2017 im Forum Ludwig in Aachen zu sehen ist.

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Franz Erhard Walther. Handlung denken

Kunstpreis Aachen

Preisverleihung und Eröffnung: Donnerstag, 1. Juni 2017, 19 Uhr
Laudatio: Prof. Dr. h.c. mult. Peter Weibel

  • Franz Erhard Walther ist Aachener Kunstpreisträger 2016
  • Anlässlich der Preisverleihung richtet das Ludwig Forum dem Künstler eine mit ihm in enger Zusammenarbeit entwickelte Einzelausstellung aus
Walther – Gesang des Lagers
Franz Erhard Walther, Gesang des Lagers, 1989–1990, Baumwolle, Leinwand; Courtesy Collection the Franz Erhard Walther Foundation; Installationsansicht: ,De l‘origine de la sculpture, 1958–2009‘ at Mamco, Genf 2010; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Ein schmaler Sockel aus Metall. Leer. Mitten im Museum. Ein Schritt nur und der Besucher könnte selbst zur Skulptur werden. Kunst, die sich erst durch den Menschen vollendet – daran arbeitet der Künstler Franz Erhard Walther seit rund 60 Jahren. Kaum ein Kunstschaffender hat die Definition, was Skulptur sein kann, derart frühzeitig und nachwirkend verändert wie Franz Erhard Walther. Durch seine partizipativen Objekte und Textilskulpturen hat er das Verständnis von Kunst sowie das Verhältnis von Kunst und Betrachter einer grundlegenden Neubewertung und Erweiterung unterzogen. Den eigenen Körper, Zeit, Raum, Sprache oder Gestik – all diese „Materialien“ bezieht Walther bei seinen bildhauerischen Arbeiten oder Installationen mit ein. Der Betrachter soll dabei idealerweise aus seiner passiven Haltung heraustreten und zu einer intellektuellen, emotionalen und zum Teil auch physischen Auseinandersetzung mit Walthers Handlungsobjekten angeregt werden. Diese ist oft sogar unabdingbar, um die jeweilige Skulptur in ihrer Ganzheit „geschehen“ zu lassen.

Franz Erhard Walthers Werk steht im Kontext der Entgrenzungsstrategien der Kunst der 1960er-Jahre, in denen die Auffassung des Kunstwerks als materielles Objekt zugunsten eines erweiterten Kunst- und Werkbegriffs aufgegeben wurde. In Happenings, Aktionen und Performances etwa wurden vorherrschende Kategorien wie Kunstwerk und Autor in Frage gestellt. Dabei vertraten die Künstler den Anspruch, Kunst als Erfahrung, als Teilhabe an einem Ereignis oder Prozess zu vermitteln. Die Hierarchie zwischen Künstler und Rezipient sollte aufgelöst und so die Kunst demokratisiert werden.

Walther – Body Shape Bordeaux
Franz Erhard Walther, Body Shape Bordeaux (aus der Serie „Körperformen“) 2006 – 2013. Eingefärbte Baumwolle und Schaumstoff, 30 x 130 x 225 cm. Courte-sy Galerie Jocelyn Wolff, Paris. Installati-onsansicht: Galerie Jocelyn Wolff. © Foto: François Doury / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Walther – Der Körper muss entsprechen
Franz Erhard Walther, Der Körper muss entspre-chen II (aus der Serie „Wandformationen“), 1984, Baumwollstoff, Holz, 275 x 200 x 36 cm, Courtesy KOW BERLIN. © Foto: Ladislav Zajac / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Walther – Zwei Boxen gegenüber
Franz Erhard Walther, Zwei Boxen gegenüber, 1971, Sperrholzplatten, Baumwolle, 200 x 80 x 75 cm. Courtesy Galerie Jocelyn Wolff, Paris, Installationsansicht: ,Franz Erhard Walther: The Body Decides‘ at WIELS, Brüssel 2014- © Foto: Sven Laurent – Let me shoot for you 2014 / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Walther – Drei Räume
Erhard Walther, Drei Räume (aus der Serie „Wandformationen“), 1981, Baumwollstoffe, Holz, 305 x 200 x 40 cm. Courtesy KOW BERLIN. © Foto: Ladislav Zajac / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Pionier der Partizipationskunst

Greifbar wurde diese Haltung schon in Walthers 1. Werksatz aus den Jahren 1963 bis 1969. Er besteht aus einer 58-teiligen Serie so genannter Handlungsobjekte aus textilen Materialien und wurde 1969 erstmals im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) präsentiert. Unter „Handlungsobjekten“ verstand Walther von ihm konzipierte Gegenstände, die Rezipienten dazu verleiten sollten, Handlungen zu vollführen. So konnte man sich die Objekte etwa umlegen, in sie hinein laufen, sich in sie legen oder auf sie stellen. Begleitet wurde der 1. Werksatz von über 5.000 Werkzeichnungen und Diagrammen, die als Wegweiser dienten, wie man sich den Gegenständen nähern kann. Statt klassischer Kunstwerke sollten Kommunikationsobjekte oder Handlungsobjekte präsentiert werden, welche dem Rezipienten unmittelbare, elementare Erfahrungen ermöglichen. So sollten die Benutzer zu Sensibilität gegenüber Materialität, Form und Volumina angeregt werden. Entsprechend dieser Grundidee lautete auch die erste Publikation von Franz Erhard Walther programmatisch OBJEKTE, benutzen (1968), nicht etwa Objekte betrachten. Erstmalig hat Walther mit seiner Definition von Kunst den Betrachter zum Werkvollender erklärt. Er stellte die Gleichung auf: erweiterter Kunstbegriff + Handlung (des Rezipienten) = Werk.

Walther – Werksatz
Franz Erhard Walther, 1. Werksatz, 1963–69. Courtesy Collection of The Franz Erhard Walther Foundation, Installationsansicht: ,Call to Action’ at The Power Plant, Toronto 2016. © Foto: Toni Hafken-scheid / VG Bild-Kunst, Bonn 2017.

Ausgehend von dieser grundlegenden Neudefinition des Kunstbegriffs durch Franz Erhard Walther in den 1960er-Jahren versammelt die Aachener Ausstellung Handlung denken rund 70 Werke aus fast 60 Jahren künstlerischer Praxis. Mit Objekten bzw. Installationen, zahlreichen Werkzeichnungen und einer Videodokumentation von Walthers 1. Werksatz gibt die Ausstellung exemplarisch Einblicke in die Anfänge seines Schaffens. Hier erforschte der Künstler Ideen wie die Beziehung zwischen Materialien und Aktion sowie Betrachter und Objekt, die auch in seinen späteren Arbeiten erhebliche Bedeutung gewinnen sollten. Unmittelbar im Anschluss an seinen 1. Werksatz entwickelte Franz Erhard Walther in den 1970er-Jahren eine Serie begehbarer Handlungsobjekte aus Metall, seinen 2. Werksatz. In den sogenannten Schreitsockeln wird der Handlungsspielraum der Rezipienten reduziert, ohne jedoch den Aspekt der körperlichen Erfahrung zu mindern. Darüber hinaus präsentiert die Ausstellung zwei von Walthers monumentalen textilen Wandarbeiten, Wandformationen (1969-1985) genannt – Baumwollstoffe in kräftigen Farben, die wie flache Schachteln an der Wand hochgestellt stark geometrisierende Gliederungen vornehmen. Walther selbst bezeichnet die Arbeiten als „plastisches Bild oder bildhafte Plastik“. Ihre Proportionen leiten sich im Wesentlichen vom menschlichen Körper ab, so dass die Wandformationen Walthers Werkbegriff konsequent fortsetzen. Ergänzt wird die Auswahl zudem durch frühe Grafiken aus der Reihe Wortbilder (1957–1958), die Walthers intensive Auseinandersetzung mit Schrift, Sprache und Wortklängen verdeutlicht, sowie eine zeitgenössische Arbeit.

Die Ausstellung Handlung denken präsentiert somit eine konzentrierte, für das Werk repräsentative Auswahl von handlungsbezogenen Arbeiten aus Stoff, Metall und Papier sowie Zeichnungen aus verschiedenen Dekaden, und beleuchtet so Franz Erhard Walthers zentrale Rolle als einer der Pioniere der Partizipationskunst. Und obwohl die Benutzung vieler seiner Arbeiten aus konservatorischen Gründen heute nicht mehr möglich ist, entfalten diese noch immer maximale Wirkungskraft – oder mit Walthers Worten: „Der reale und imaginierte Gebrauch hat die gleiche Wirkung“. 


Franz Erhard Walther. 

Handlung denken 
Kunstpreis Aachen 
2. Juni – 29. Oktober 2017
Ludwig Forum für Internationale Kunst
Jülicher Straße 97–109
52070 Aachen
www.ludwigforum.de

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