Die Ausstellung des Monats Juli 2017

Passend zum Lutherjahr 2017 zeigt das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin die Ausstellung „Überall Luthers Worte …“ – Martin Luther im Nationalsozialismus.  Im Fokus der Ausstellung steht der vielfältige Rückbezug auf den Reformator Martin Luther während des „Dritten Reichs“. Dabei werden sowohl die staatliche wie auch die kirchliche Rezeption Luthers und insbesondere seiner antisemitischen Spätschriften dargestellt. Die Ausstellung ist noch bis zum 5. November zu sehen.

Alle Bewerbungen – auch aus den Vormonaten, wenn die Ausstellung noch geöffnet ist – stellen wir Ihnen mit einem Bild und einem Infotext vor.

 

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„Überall Luthers Worte ...”

Martin Luther im Nationalsozialismus

Totographie – Panorama
Panorama der Ausstellung. © Jürgen Sendel

Im Reformationsjubiläumsjahr 2017 blicken wir auch auf eine ganze Reihe länger zurückliegender Jubiläumsfeiern in Deutschland zurück. 1883 feierte man auf Veranlassung KaiserWilhelms 1. den 400. Geburtstag Martin Luthers prunkvoll und ausgiebig; während des Ersten Weltkriegs fielen die Feiern zum 400.Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 1917 etwas bescheidener aus. Die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts wiederum gelten als Hochphase der sogenannten Lutherrenaissance. Deren führende Vertreter, allen voran der Berliner Theologe Karl Holl, aber auch Erich Seeberg, Hanns Rückert und Rudolf Hermann stellten die Rechtfertigungslehre wieder ins Zentrum der Lutherdeutung. Gleichzeitig betrachten Holl und viele seiner Schüler die Gesundung des »nationalen Lebens« aus konservativem Geist als wichtiges theologisches Grundanliegen der Zeit.

Es war lediglich ein historischer Zufall, dass das Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zugleich auch das Jahr war, in dem man in Deutschland den 450. Geburtstag Martin Luthers zu feiern beabsichtigte. Auf Initiative der Lutherstädte Eisleben, Erfurt und Wittenberg plante man 1933 im ganzen Deutschen Reich Feiern im Rahmen eines »Deutschen Luthertags« durchzuführen, was - unter Beteiligung nationalsozialistischer Politiker und Kirchenführer – auch geschah: Die Eisleber Lutherwoche fand Ende August des Jahres statt, gefolgt von fünftägigen Lutherfesttagen in Wittenberg im September 1933 und einer Lutherwoche in Eisenach Anfang Oktober. Die für den 10. November an Luthers Geburtstag geplanten zentralen Berliner Feierlichkeiten wurden jedoch auf Initiative der Nationalsozialisten verschoben. Denn für den 12. November war kurzfristig eine Reichstagswahl angesetzt worden, die Hitler mit einer »Volksabstimmung« über den Austritt des Deutschen Reichs aus dem Völkerbund verband. So fand in Berlin die Festversammlung erst am 19. November statt- im Saal der Philharmonie, unter einem Banner mit Lutherrose und christlichem Kreuz sowie einem Banner, das das Hakenkreuz trug. 

Topographie – Besucherin
Topographie – Evangelium im 3. Reich
© Jürgen Sendel

Den Feierlichkeiten zum Deutschen Luthertag in Berlin sowie in vielen anderen deutschen Städten waren erhebliche Konflikte innerhalb des deutschen Protestantismus vorausgegangen. Noch bevor die Machtkonsolidierungsphase des NS-Regimes abgeschlossen war, standen sich die Vertreter der »Bekennenden Kirche«, namentlich des Pfarrernotbundes um Martin Niemöller, und die Mitglieder der völkischen, pronational­sozialistischen »Glaubensbewegung Deutsche Christen« gegenüber, deren vorrangiges Ziel die Gleichschaltung« der evangelischen Landeskirchen unter dem Reichsbischof Ludwig Müller war. Die kirchen- und gesellschaftspolitischen Gegensätze hinderten beide Lager jedoch keineswegs daran, sich immer wieder ausdrücklich auf Martin Luther und dessen Erbe zu beziehen und es für sich zu beanspruchen. Ende Februar 1934 zum Beispiel forderten die »Deutschen Christen« anlässlich einer Kundgebung im Berliner Sportpalast die »Vollendung der deutschen Reformation im Geiste Martin Luthers«. Und Reichskirchenminister Hanns Kerrl verglich seine Initiativen zur Maßregelung und gleichzeitig versuchten Integration der »Abweichler« der Bekennenden Kirche« in eine »Reichskirche« mit der unnachgiebigen Haltung des Reformators in den Glaubens- und politischen Auseinandersetzungen vor und während des Bauernkriegs. In diesem Zusammenhang kann das theologische Fazit, das der von den Nationalsozialisten im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordete Dietrich Bonhoeffer 1937 zog - und das im Titel der Ausstellung anklingt-, auch als gleichermaßen hellsichtiges wie desillusioniertes politisches Fazit zeitgenössischer Luther-Deutungen und -Vereinnahmungen im nationalsozialistischen Deutschland gelten: »überall Luthers Worte und doch aus der Wahrheit in Selbstbetrug verkehrt.«

Ein besonderes Augenmerk richtet die Ausstellung darauf, in welcher Breite sich verschie­dene gesellschaftliche Akteure Luthers antijüdische Spätschriften aneigneten und für ihre Zwecke benutzten und ausschlachteten. Namentlich die Schrift »Von den Juden und ihren Lügen«, in der der Reformator 1543 unter anderem zum Niederbrennen von Synagogen aufgefordert hatte, mobilisierte seit 1933 Theologen und Kirchenführer, aber auch nationalsozialistische Hetzblätter wie den »Stürmer« sowie die Produzenten antisemitischer Ausstellungen (»Der ewige Jude«), Theateraufführungen und Pamphlete. Die antijüdischen Spätschriften Luthers wurden nicht nur neu herausgegeben, sondern in verschiedensten medialen Formaten kompiliert, aufbereitet, kommentiert, visualisiert- und dabei fast ausnahmslos für die propagandistischen Zwecke des NS-Regimes genutzt. So dienten jene Luther-Schriften bereits kurz nach den Novemberpogromen 1938 etwa dem thüringischen Landesbischof Martin Sasse zur Rechtfertigung der antijüdischen Gewalt. 

Topographie – Christenkreuz oder Hakenkreuz
© Jürgen Sendel
Topographie – Eislebener Lutherwoche 1933
© Jürgen Sendel

Schließlich beleuchtet die Ausstellung auch die Rolle der Kirchen im Krieg: ihre anfängliche Unterstützung nationalsozialistischer Angriffskriege und Eroberungspolitik (gegen die nur wenige, wie der evangelische Pfarrer Helmut Gollwitzer, von Anfang an Stellung bezogen) sowie die Einbindung von Geistlichen in den Militärdienst als »Kriegspfarrer«. Auch sie nahmen, wie an einer Predigt des evangelischen Wehrmachtdekans Wilhelm Hunzinger aus dem Jahr 1940 deutlich wird, auf den Reformator Bezug; er sah der Nation in der Gestalt Martin Luthers »den kindlich frommen und zugleich heldenhaft starken deutschen Mann« geschenkt. 

Die Ausstellung schließt mit einem Brief Bonhoeffers, den er am Reformationstag 1943 aus dem Gefängnis an seine Eltern schrieb. 

Text: Ulrich Prehn 

Dr. Ulrich Prehn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter 
der Stiftung Topographie des Terrors. 


„Überall Luthers Worte ...”
Martin Luther im Nationalsozialismus
28. April bis 5. November 2017
Dokumentationszentrum 
Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8
10963 Berlin 
www.topographie.de
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